LWB Luxemburger Wörterbuch
 
kiermen bis Kigelchen (Bd. 2, Sp. 348b bis 352a)
 
kiermen II, neben kiernen intr. Verb.: «viele Körner tragen» (vom Getreide) — gebr. ist vor allem das Verbadj.: d'Fruucht as gutt gekiermt/ gekiernt (gekierent) dëst Joer (Gegs.: schlecht gekiernt — das Getreide bildet viele, wenig Körner in den Ähren dieses Jahr) — wann d'Fruucht gutt gekiernt as, da gët et (se) gutt (vill) an de Sieschter (Sester als Getreidemaß) — ähnlich: d'Fruucht kieremt gutt an de Sieschter.
 
kiernen trans. Verb.: s. kierenen (sub Kierener).
 
kierpelen intr. Verb.: «langsam fahren» (zu Kierb).
 
kierpen I (Nösl. kirrepen) intr. Verb.: 1) «an einer Kurbel (s. Kierb) drehen, kurbeln» — ech ka k. wéi ech wëll, d'Louder (der verflixte Motor) spréngt nët un — analogisch auch auf [Bd. 2, S. 349] das Antreten des Motorrads übtr.; 2) «umständlich, ungeschickt, angestrengt, hinderlich lenken» — wéi en ausgekierpt hat, du loug en dach am Gruef — ech k. a k., an d'Kéier (Straßenkurve) kritt keen Enn — wat e Gekierps a Gedoons fir do eranzefueren! — beim Kegelspiel: wat hues du nammel gekierpt (Zusatz: du bas déi rengsten Dréiuergel!); 3) «angestrengt in die Pedale treten» (vom Radfahrer) — hei, wéi komme se de Bierg erop gekierpt; 4) übtr.: «seine Zeit verschlendern» (Wb. 06); vielleicht zum folg.
 
kierpen II, älter quierpen intr. Verb.: 1) «sich kümmerlich durchschlagen, von der Hand in den Mund (vun der Hand an den Zant) leben»; 2) «mit beharrlichem Jammern um etwas bitten» — elo quierpt e schon dräi Méint un deem Velo (jetzt bettelt er schon während drei Monaten um ein Fahrrad) — cf. Rhein. Wb. VI, 1291 quären, zu ahd. quëran 'weinen' (offenbar volksetymologisch vermengt mit kierpen I); lok. bisw. auch quiermen (cf. kiermen I).
 
Kierper (lok. phV. des Tonvokals cf. Ltb. 17) M.: «Körper» — und zwar: 1) meist «der menschliche Körper» — e gruede, riichte, schéine, schwéiere K. — e kromme, klenge, knadderege, krëppelege K. — suerg och fir däi K.! (= iess an drénk) — en huet Plazen (et bäisst mech) um ganze K. (Ausschlag, Hämatome, Juckreiz) — spaßhaft, oft ausweichende Antwort auf Lobreden: esou sin ech um ganze K. — im allg. gebildetes Wort für das gängige Läif (s. d.); 2) in gelehrter Verwendung (aus Schulsprache und Technik), etwa: a) Geometrie: «begrenzter Teil des Raumes»; b) Chemie und Physik: «Stoff, Masse» — aus demselben Bereich: Kierperchen N.: «Partikel»; c) Technik, z. B.: «Heizkörper» (der Zentralheizung) — dëse K. gët waarm (auch: Calorifère, Radiateur) — «Hauptmasse, massiver (Zentral)Teil».
 
Kierperbau M.: «Körperbau».
 
kierperlech Adj.: «körperlich».
 
Kierpestill M.: «Kurbelfutter» (Ga.).
 
kierpsen intr. Verb.: «quietschen, knirschen» (von schlecht geölten Metallteilen).
 
Kiert F.: häufiger Flurname — Wb. 06 erklärt: «kurzes Stück Ackerland, wo der Pflug Kehrt machen muß» (womit offenbar die Anknüpfung an das Adj. 'kurz' oder an das Verbum 'kehren' nahegelegt, aber nicht entschieden werden soll); Ga. stellte das Wort schon richtig neben ein regionalfrz. courtière 'kurzes Stück Ackerland', das allerdings nicht zu mlat, curtus 'kurz', sondern zu mlat. curtis 'Hof, Hofraum' (cf. afrz. courtil 'Hof, Garten' REW 2032, 2033) zu stellen ist: dazu stimmt die häufigste Bedeutung «Gartenland oberhalb des Hauses» (z. B. Gonderingen, Ehnen); dazu der Hausname a Kiertes, die Flurbezeichnung Kiertesfeld (Stegen).
 
Kiertchen F.: lok. phV. (fast ausschl. der Hauptstadt) zu Käertchen (s. d. II/312).
 
Kierwel (lok. Ostrand, Mosel Kerwel, Vianden Kirwel) M.: «Kerbel, Scandix cerefolium» — Dauwe-, Kazekierwel «Fumaria off.», Ka(a)lwerkierwel «Chaerophyllum silvestre».
 
Kierwelszopp F.: «Suppe mit Sauerampfer und Kerbel».
 
kierwen, käerwen (lok. keerwen) trans. Verb.: 1) «Kerbeinschnitte machen» — dazu bes. das Verbadj. gekierft «mit Kerben versehen, zackig eingeschnitten» (etwa von Blättern); 2) bes.: a) «mit Hilfe von Kerben zählen»; b) «wählen, indem von den Teilnehmenden eine Kerbe in ein herumgereichtes Holz geschnitten wird» — fréier as de Schwéngert (der Schweinehirt) gekierft gin — dazu die Zussetz.: Kierfdag (s. d.).
 
kierwen Verb.: 1) trans.: «in Körbe füllen» — et waren esou vill Gromperen dëst Joer, 't krut ee se knapps gekierft; 2) intr. «mit seiner Masse die Körbe füllen» — déi Gromperen hun nët méi gekierft (diese Setzkartoffeln haben keinen reichen Ertrag mehr gebracht). — Hierher gehört das Bd. I/41 nachzutragende Komp.: auskierwen trans. Verb. «herausnehmen, herausklauben» — Echt.: d'Viël hoan d'Eerbësse bal all am Stéck ousgekeerft (die Vögel haben die Erbsen fast alle auf dem Acker aus den Schoten gepickt) — Quereinfluß von kierwen «kerben» (s. d. vor.) ist nicht ausgeschlossen.
 
Kierz F.: lok. phV. (bes. der Hauptstadt) zu Käerz (s .d. II/312).
 
Kieschtchen M.: «Jätmesser» — Dim. zu Kaascht, Kuescht (II/260), lok. Var. (bes. der Hauptstadt) zu Kääsch(t)elchen, Kä(ä)schtchen (II/ 310).
 
Kieselek M.: «Stachelschwein» (Wb. 06) — cf. Kéisécker «Igel» und die dort vermerkten anderen Namen des Igels. [Bd. 2, S. 350]
 
Kietsch (Red.) F.: «Balg» (meist im Pl. Kietschen gebr.) — s. Käätschen II/310, wozu auch die lok. Var. Käitschen.
 
Kietscht ON.: = Këtscht (s. d.).
 
Kiewer, bisw. Kierwer, Kieber M.: 1) «Maikäfer» (s. d. folg.); 2) neuerdings gelegentlich als Sammelname für die Ordnung der Coleoptera schlechthin gebraucht (so etwa beim Versuch, für den Kartoffelkäfer den luxemburgischen Namen Gromperekiewer zu bilden — cf. II/83); bodenständiger lok. Sammmelname für Kerbtiere ist in Echt. Gekeerfs N.: «Kerbtiere» — cf. auch Kiefer.
 
Kiewerlek M.: 1) gängigste Bezeichnung des gesamten lux. Raums für «Maikäfer, Melolontha vulg.». In der Stadt Luxemburg ist die Endung -léng, -lénk vorgezogen; gelegtl. wird im östl. Gutland Kiewelek, Kierwe(r)lek, und an das intr. Verb. kriwwelen (krabbeln) angenähert, Kriewe(r)lek gesprochen. Im Moseltal von Wasserbillig bis Machtum gilt Kiewerek, an der südlichen Mosel Mäkiewer oder das Simplex Kiewer, von Stadtbredimus bis Contz (auch Kiefer, Kieber), in Ehnen Kieferlek, -léng westl. davon, im übrigen Kanton Remich und in den angrenzenden Dörfern heißt der Maikäfer Wäisskiewer, -kiefer lok. bis zu der Syrquelle, vereinzelt an der mittleren Syr (um Niederanven), dann im östlichen Kanton Capellen (Kehlen bis Hollenfels), hier vermengt mit Schäisskiewer; eine andere Spielform zu Wäisskierwer ist das aus Olingen gemeldete Wäissgierwer. Veraltete lok. westlux. Varianten sind Kiewernéckel (Steinbrücken), Kierplek (Gœtzingen), Kierb(e)lek (Strassen, Kœrich) und das Fem. Kierbelchen (Schouweiler — dies auch als N., etwa in Simmern); vereinzelt gelten Mäkiewerlek und in Befort Kieweker. Im Westen an der belgischen Grenze, von Bondorf über Martelingen (Guewerlek, Guewelek) südwärts bis in den belgisch-luxemburgischen Raum um Arlon liegt ein geschlossenes Gebiet mit Giewelek, Gewelik (östlichster Beleg in Niederpallen — volksetymologische Erklärung in Bondorf: well se laascht d'Giewele fléien) — von Arlon südwärts überwiegt Kiewelek (BERTRANG, Grammatik der Areler Mundart § 72). Diesem westlichsten lux. Bereich östl. vorgelagert gilt vom Pratzertal bis nach Kleinbettingen Kues(s)en-, Kuesten-, Kuesch(t)endéier, vereinzelt Kiewerdéier (Kehlen); dasselbe Grundwort Déier (s. d. Bd. I/200 sub 2/c), das allgemeinster Sammelname für «Insekten» ist, erscheint auch in der Bezeichnung Mädéier (vor allem im Kanton Wiltz, im Echternacher Raum als Maidéier). Das übrige Ösling zeigt von Süden nach Norden Laf-, Looffréisser, -frësser, -frisser, -déier (lok. auch neben Mädéier in den Kantonen Wiltz und Redingen). Besonders im nördlichsten Ösling ist nur der Name Maikäfer, -kefer belegt, der hier nicht unbedingt, wie sonst im gesamten Lande (unter dem Einfluß der Schulsprache) als hochdeutsches Einsprengsel zu werten ist; vereinzelt stehen die nordöslinger Bezeichnungen Maigisschen, Mä- (Mai-)schësser u. Maifrisser (Weiswampach). Im Zentrum des Landes, an der Grenze von Gutland und Ösling überwiegt Ake(r)schësser (zu Aker 'Eichelmast, Eckerich' I/16 zu stellen). Außer in dieser Bezeichnung und in Kuessendéier erscheint die Eiche als namengebendes Motiv in den Zussetz. Äächebës(el)er (-bëserer), Äächefrësser (Reisdorf), Ääche(l)kiewer, -déier, -krécher und aus Fels belegtem Äächekiepchen, das anderswo auch 'Eichhörnchen' bedeutet (cf. Kawäächelchen II/305), der Wald im allgemeinen in dem Namen Heckendéier. Spaßhafte od. kindersprachliche Spielformen sind Knuewelek (Lenningen, Canach), Mollermal (Differdingen — bisw. auch Mëllerdicks und Milord cf. die häufige Bez. des Schmetterlings als Mëllermoler, Millemoler, Millermaler). Ein Teil der phV. zu Kiewer, Kieber scheint nicht zu ahd. chëvar 'Käfer', sondern zu der Sippe von lux. Kierf 'Kerbe' zu stellen zu sein (cf. den Sammelnamen Gekeeerfs sub Kiewer). Je nach der Größe oder nach der Farbe seines Halsschildes unterscheiden die Kinder: Schouster (schwarz), Mëller (weiß), Schneider (grau), Kinnek (rot), Käser (rotgolden schimmernd); anders wird unterschieden: Bock, Hengscht (der männliche, de Männchen) und Källefchen, Kéichen, Kinnegin (der weibliche, d'Frächen). — Verhalten des Maikäfers: de K. schléift, en huet séng Haren/Hierner (Fühler) agezunn, zesummegefaalt — de K. botzt sech d'Haren, d'Lanteren (fährt sich mit einem Vorderbein über den Kopf) ähnlich: e wichst, biischt sech säi blénkegt, horegt, pelzegt . . . Schëllerstéck (streicht sich über seinen Halsschild) — de K. zielt, seltener: pompelt (bewegt die Flügeldecken vor dem Auffliegen) — de K. huet [Bd. 2, S. 351] Getten un (auffällig starke Haken od. Härchen an den Beinen) — d'Kiewerlécke fléie (komme, renne, bësele) schon, 't as (gët) e fréit Joer — d'Kiewerlécke brommen an der Luucht. Die Kinder und der Maikäfer: haut den Owend gi mer Kiewerlécke fänken — am Do kënne mer d'Kiewerlécke (vun de Beem) rëselen (am Tage gehen wir sie von den Bäumen rütteln) — d'Kanner spären d'Kiewerlécken an eng Fixfeiesch- (Zündholz-), Schong- (Schuh-), Zigarekëscht, an da loossen se se an der Schoul fléien — Maikäfer flieg, Dein Vater ist im Krieg, Deine Mutter schläft in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer flieg! — Echternach: Maidéier fléig, Dein Mouder as am Kréig, Däi Voader as an Engelland, Wann e këmmt, dann as e krank — K. komm, schlo déng Tromm, Schlo déng siwe Wi wa romm (oder schlo se iwwer Wi wa romm/womm), oder Far mer dat Meedchen im Garten heromm, Flig, flig, o Mannike, Drei Jungternblut In irem Stut, oder: Schlo dat Meedchen iwer déng Romm, Flig, o flig, o Maneken, Drei Jungfernblut, In ihrem Schutz — K. fléi, Déng Mamm as am Kléi, Däi Papp as an der Fruucht, K. fléi an d'Luucht. Bromm, bromm, bromm, Komm, mäi Männche komm! — K. komm, fléi dem Bäcker an d'Haus, Huel mir e Kierfche mat Kuch do eraus, Huel mir een, dir awer keen, K. maach dech op d'Been! (MERSCH, Lux. Kinderreime S. 92 f.; Ed. DE LA FONTAINE, Die lux. Volkslieder älterer Zeit S. 12, woselbst auch die Melodie) — d'Kanner maachen dem K. Tënt un de Schwanz (den Sporn am Körperende), wann en dann iwwert wäisse Pobeier krécht, da schreift en drop. — Rätsel: Wat as den Ënnerscheed tëschent engem Duanier (Zöllner — auch: Fieschter Förster) an engem K.? De K. as brong an e schäisst gréng, den Duanier (Fieschter) as gréng an e mécht brong. Vergleich: Bätz, Kozen (Nasenschleim), Rotzen . . . ewéi Kiewerlécken esou déck; 2) klenge Kiewerlek, Wisekiewerlek «Junikäfer» — fréier hu mer mat dem klenge K. um Waasser (an der Oberfläche des Wassers) gefëscht; 3) im Pl., spaßh.: «Läuse, Flöhe» — en huet Kiewerlécken; 4) auf die Frage 73 'Käfer (allgemein)' des Deutschen Wortatlas (Bd. I, Karte 24) antwortete Luxemburg sozusagen geschlossen mit dem eigtl. Namen des Maikäfers (nämlich des weitaus bekanntesten aller Käfer, zumindest in Volksschulkreisen), und zwar: fast das gesamte Gebiet mit Kiewerlek (lok. Einzelmeldungen: Kiewlek, Kriewerlek), der Ostrand (Echternach-Grevenmacher) Kiewerek (am westlichen Rande davon vereinzelt Kieweker, Keweker, Kéiweker), ein geschlossenes Gebiet nordöstlich von Stadtluxemburg mit Kierwerlek. — Meist behilft sich der Mundartsprecher mit hd. Käfer; 5) «Kosename für krabbelndes Kind», gelegtl. auch (wie etwa hd. 'Käfer') für «nettes junges Mädchen, Liebling»; 6) spaßh. übtr.: «Grille, fixe Idee, Absonderlichkeit» — en huet e K. — jiddereen huet alt säi K. (ähnlich etwa: eng Spann um Plafong) — du hues elauter Kiewerlécken am Kapp.
 
Kiewerléks- -fänk F.: «Maikäferfangnetz»; -flillek M.: «Deckflügel des Maikäfers»; -gebääss N.: 1) «zertretene Maikäfer»; 2) ironische Antwort auf die Frage der Kinder, was es zu essen gebe: «Mäikäfermarmelade» — haut gët et Kellerspannen (Kellertrapen) a K.; -haut F.: 1) «die häutigen Hinterflügel des Maikäfers»; 2) übtr.: «Kunststoff, der den häutigen Hinterflügeln des Maikäfers vergleichbar ist» — Gegenstände aus diesem Kunststoff, etwa «Regenumhang» (dafür auch: Reenhaut); -joer N.: «Jahr, in dem es viele Maikäfer gibt» — all véier Joer as e K.; -juegd F.: «Maikäferjagd»; -mued M.: «Engerling» — dafür auch Gromperemued; -zalot F., -zongen Pl. F., -zopp F.: «Maikäfersalat, -zungen, -suppe» (als ironische Antworten auf die Frage der Kinder, was es zu essen gebe); Kiewerlékszopp gelegtl. spaßh. statt Kierwelszopp (s. d.) — In Stadtlux. bez. -zalot auch die in Straßenrinnen oder sonstwo zusammengewehten Früchte der Ulme, die kleinen Blättern gleichen und zwischen denen die Kinder mitunter Maikäfer finden.
 
kif kif präd. Adj. (od. Adv.): «gleich, egal» — ob s de déng Ligen zougës oder ob s d'eng nei Ligen erfënds, da's kif kif (ob du deine Lüge zugibst oder ob du eine neue Lüge erfindest, das ist gleich); aus der kolonialen frz. Umgangssprache, in der es seit 1894 als Entlehnung aus dem Arabischen Algeriens zu belegen ist. [Bd. 2, S. 352]
 
Kigelchen (-j-) F.: Dim. zu Kugel (s. d.) — oft pleonastisch (mit Binnenreim): 't sin esou kleng Kigelcher.

 

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